Am 12. Dezember 2019 wurden am Verlegeort 'ehemaliges jüdisches Waisenhaus' drei Stolpersteine verlegt werden. Hierbei handelt es sich um einen sogenannten Kopfstein für die Institution 'jüdisches Waisenhaus' selbst und zwei personenbezogene Stolpersteine, die Rose Elise (genannt Liese) Dreyer und Ella Feldmeier gewidmet sind.

 

 

 

 

 

Stolperstein (Kopfstein) für das 'ehemalige jüdische Waisenhaus'

 

Das 'jüdische Waisenhaus' wurde 1856 auf Initiative von Fanny Nathan gegründet. Die Institution war zunächst in den Wohnräumen Fanny Nathans beheimatet. Da diese Räumlichkeiten aber mit der Zeit zu klein wurden, ließ Nathan unterstützt durch Spenden zwischen 1861 und 1863 ein Gebäude an der Leostraße 3 errichten, das zukünftig als 'jüdisches Waisenhaus' fungierte. Das aus Backstein gefertigte Gebäude hatte zwei Etagen, war von einem Garten umgeben und besaß eine kleine Synagoge, ab 1864 auch eine Elementarschule. Während die Institution bis 1933 ohne Schwierigkeiten - auch finanzieller Art - ihrer Aufgabe nachgehen konnte, veränderte sich die Lage ab 1933 zusehends. Nun trat unter den Nationalsozialisten eine neue Aufgabe des Waisenhauses in den Vordergrund, die Vorbereitung der Kinder auf die Auswanderung aus dem nationalsoziaslistischen Deutschland. Die Zahl der im Waisenhaus untergebrachten Kinder erhöhte sich im Zuge der sich verschärfenden Diskreminierung bis 1938. Insbesondere nach den Vorkommnissen der Reichspogromnacht, in der die Anstalt im Gegensatz zur Synagoge und dem Gemeindehaus der jüdischen Kultusgemeinde keinen Schaden nahm, stieg die Anzahl der Insassen sprunghaft an. Dies lag größtenteils daran, dass ab dato nicht mehr nur hilfsbedürftige Waisen, sondern alle jüdsichen Kinder aufgenommen wurden, die nicht mehr an öffentlichen Schulen unterrichtet werden durften. Da die Synagoge des Waisenhauses ab 1938 die einzige ihrer Art in Paderborn war, stellte die Anstalt auch ab dieser Zeit den Mittelpunkt des religiösen und sozialen Lebens der jüdischen Gemeinde in Paderborn dar. An 1940 bot das Waisenhaus auch verfolgten Erwachsenen Unterkunft und Zuflucht, wobei die Institution oftmals nur eine Zwischenstation auf der Flucht vor den Nationalsozialisten darstellte. Nach dem 23. Oktober 1941 wurde das Waisenhaus mit dem Verbot der Auswanderung für Jüdinnen und Juden für die Nationalsozialisten überflüssig. Die Immobilie musste im Januar 1942 an die Stadt Paderborn unter Wert verkauft werden, die verbliebenen Kinder siedelten samt der der Leiterin des Waisenhauses Liese Dreyer, der Kindergärtnerin Ella Feldmeier und dem Lehrer david Köln und dessen Familie nach Ahlem bei Hannover über, wo sie in lagerähnliche Verhältnisse gerieten und kurz darauf zum Teil deportiert und ermordet wurden, Das Gebäude des 'ehemaligen jüdischen Waisenhauses' wurde noch während des Zweiten Weltkriegs zerstört und in der Folge abgetragen. Ein Teil des Grundstückes wurde zum Ausbau der Kreuzung 'Husener Straße' verwendet, der andere Teil gehört heute zum Gelände der Blindenschule.

 

 

 

 

 

Stolperstein für Rose Elise (genannt Liese) Dreyer

 

Rose Elise ‚Liese‘ Dreyer wurde am 10. Juli 1895 in Rietberg geboren. Ihre Eltern waren der Kaufmann Albert Dreyer und seine Frau Ida Dreyer, geborene Marcks. Über Kindheit und Jugend Liese Dreyers ist wenig bekannt. 1914 zog sie von Köln aus, wo sie wahrscheinlich eine Ausbildung zur Erzieherin absolvierte, nach Paderborn, um dort im jüdischen Waisenhaus an der Leostraße zu arbeiten. Die Leiterin der Institution hatte zum damaligen Zeitpunkt ihre Tante Paula Marcks inne. 1930 trat Liese Dreyer die Nachfolge ihrer Tante als Leiterin des Waisenhauses an, das nicht nur Waisenkinder, sondern auch arme Kinder jüdischer Familien beherbergte, denen neben Unterbringung und Verpflegung auch Erziehung und schulische Bildung zuteilwerden sollte. Zudem sollten den Jugendlichen nach der Entlassung aus dem Waisenhaus auch Ausbildungsplätze vermittelt werden. Bereits frühzeitig nach der Machtübernahme der Nationalsozialisten scheint Liese Dreyer erkannt zu haben, dass für jüdische Kinder und Jugendliche in Deutschland kaum mehr eine Perspektive existierte. Spätestens 1935 war nach dem Erlass der Nürnberger Gesetze klar, dass die Kinder und Jugendlichen des Waisenhauses mehr und mehr auf eine mögliche Auswanderung nach ihrem Aufenthalt in der Institution vorbereitet werden mussten. Liese Dreyer gelang es aber auch, jüngere Kinder im Rahmen der sogenannten Kinderauswanderung aus Deutschland wegzubringen. Nach der Reichspogromnacht am 9. November 1938 wurden alle jüdischen Kinder von öffentlichen Schulen verwiesen. Das Waisenhaus, welches in der Pogromnacht nicht behelligt worden war, übernahm ab dato die Funktion einer Schule für alle jüdischen Kinder Paderborns und der Umgebung, zugleich war es aufgrund seiner kleinen Synagoge religiöses und soziales Zentrum des jüdischen Lebens der Stadt. Liese Dreyer nahm nun vermehrt auch Erwachsene, die Flucht vor den Repressionen der Nationalsozialisten suchten, in ihre Institution auf. 1942 konnte indes auch Liese Dreyer dem Druck der Nationalsozialisten nicht mehr standhalten. Die Stadt Paderborn beanspruchte Gelände und Gebäude des Waisenhauses zur Unterbringung „einer militärischen Formation zum Schutze der Stadt“ für sich, Liese Dreyer musste das Kaufangebot akzeptieren und das Heim zum 31. Mai 1942 räumen. Liese Dreyer begleitete samt Lehrer David Köln und der Kindergärtnerin Ella Feldmeier die verbliebenen Kinder nach Ahlem bei Hannover. Dort hatte eine jüdische Gartenbauschule gestanden, nun herrschten dort aber lagerähnliche Verhältnisse, da die Gartenbauschule schon als Sammelstelle für Jüdinnen und Juden aus den Regierungsbezirken Hannover und Hildesheim diente. Liese Dreyer wurde von Ahlem aus am 2. März 1943 nach Auschwitz deportiert, wo sie den sicheren Tod fand.

 

 

 

 

 

 

Stolperstein für Ella Feldmeier

 

Ella Leontine Feldmeier wurde am 17. Mai 1902 in Plauen im Vogtland geboren. Die Eltern waren der jüdische Kaufmann Ernst Louis Feldmeier und seine Frau Elise Lina Helen Feldmeier, geborene Mandelbaum. Die Familie wohnte zum Zeitpunkt der Geburt Ella Feldmeiers in der Fürstenstraße 62. Ella Feldmeiers Mutter Elise Feldmeier stammte ursprünglich aus Frankfurt a. M. und war die erste Frau von Louis Feldmeier, der 1902 nach Plauen kam und Geschäftsführer der Plauener Niederlassung der Firma Heymann und Alexander mit Hauptsitz in Calais war. Büro und Wohnung der Louis Feldmeiers befanden sich lange in den Geschäftshäusern der Firma Gebrüder Lay in der Weststraße in Plauen. Später bezog die Familie ein Haus in Jocketa bei Plauen. Ella Feldmeiers Vater Louis heiratete 1912 nach dem Tod seiner ersten Frau, Ellas Mutter, erneut, er verstarb 1933 in Plauen. Über den Verbleib Ella Feldmeiers nach dem Tode ihrer Mutter ist wenig bekannt. Möglicherweise wohnte sie bis zu ihrem Zuzug nach Paderborn im Jahre 1929 bei ihrem Stiefbruder Erwin Feldmeier in Jocketa, der dort als Fabrikant gemeldet war. Seit dem 22. Januar 1929 arbeitete und lebte Ella Feldmeier im jüdischen Waisenhaus in Paderborn. Dort fungierte sie als Kindergärtnerin, welche neben der Leiterin der Anstalt maßgeblich an der Betreuung und Erziehung der Kinder beteiligt war, die in die Obhut des jüdischen Waisenhauses gegeben wurden. Ob sie eine Ausbildung als Erzieherin genoß ist unsicher, aber wahrscheinlich. Ihr hoher Anteil an der Erziehung und Betreuung der Kinder lässt sich auch daran ablesen, dass sie im Waisenhaus wohnte und so Tag und Nacht für die Kinder da war und Liese Dreyer wohl jederzeit mit Rat und Tat zur Seite stand. Ella Feldmeier bemühte sich zumindest im November 1938 darum, nach Kanada oder in die USA auswandern zu können und so den Drangsalierungen der Nationalsozialisten zu entfliehen. Ihrem Aufnahmeantrag wurde aber nicht stattgegeben. Nach dem zwangsweisen Verkauf der Immobilie des 'ehemaligen jüdischen Waisenhauses' 1942 und somit dem Verlust ihrer Wohnstätte begleitete Ella Feldmeier neben Liese Dreyer und der Familie Köln die bis dato im Waisenhaus verblieben Kinder nach Ahlem bei Hannover. Dort hatte eine jüdische Gartenbauschule gestanden, nun herrschten dort aber lagerähnliche Verhältnisse, da die Gartenbauschule schon als Sammelstelle für Jüdinnen und Juden aus den Regierungsbezirken Hannover und Hildesheim diente. Ella Feldmeier wurde von Ahlem aus im selben Transport wie Liese Dreyer am 2. März 1934 nach Auschwitz deportiert, wo sie den sicheren Tod fand.